Lady to watch : Giselle Rufer Delance (Amazon)

Eine wahre Geschichte
KAPITEL EINS: EINE KALTE DUSCHE
1992 – Gare de Lyon, Paris, Frankreich
“Weißt du, Mama, in Wirklichkeit bist du gar kein Vorbild für uns Frauen!”
Giselle starrte ihre Tochter erstaunt an. Sie saßen im «Train Bleu», dem schicken Restaurant am Gare de Lyon, umgeben von gedämpftem Bahnhofslärm. Eben war es noch so gemütlich gewesen, jetzt hätte Giselle beinahe ihre Tasse fallen lassen. Wie konnte ihr Kind so etwas sagen? Zu ihr? Sie hatte sie doch ihr ganzes Leben lang begleitet, sie bei jedem Schritt ermutigt … bei jedem Tanzschritt.
«Wie kannst du so etwas sagen?» entgegnete sie überrascht. «Schon als junge Frau, ach, schon als kleines Mädchen habe ich mich für die Sache der Frauen eingesetzt. Das sollte doch niemand besser wissen als du!» Es war, als würden die Geräusche im «Train Bleu» verklingen, in Giselles Kopf, in ihrem Herzen hämmerte nur noch die Bemerkung ihrer Tochter.
«Schau dich doch an, Mutter, dein ganzes Leben. Ja, du hast Träume, aber du tust nichts, um sie zu verwirklichen. Du widmest deine Zeit immer nur den anderen und schiebst deine eigenen Träume und Wünsche beiseite … später, sagst du, später. Aber später ist es vielleicht zu spät!»
«So, so», Giselle hatte das Gefühl, dass ihre Tochter noch nicht fertig war.
«Es ist ja nicht nur das. Bei allem, was du tust, gibst du mir das Gefühl, dass auch ich mich für die anderen aufopfern müsste. Aber dazu habe ich keine Lust, überhaupt kein bisschen Lust. Also bitte, Mama, tu doch endlich das, was du wirklich tun möchtest, und zeig uns, dass wir Frauen unser Schicksal wählen können. Tu’s für dich, und tu’s für mich. »
Giselle war wie vor den Kopf geschlagen. In diesem Ton hatte ihre Tochter noch nie mit ihr gesprochen. Fast schuldbewusst antwortete sie:
«Du hast recht, wenn es um meine großen Träume geht. Aber ich habe viele kleine Träume verwirklicht. Durch dich und deinen Bruder habe ich so viel gelernt, ich habe eure Träume geteilt und bin daran gewachsen. Und ich hatte den Mut, mit 36, als ihr aus dem Haus wart, noch zu studieren – Ingenieurwesen! Ich habe in einer Männerwelt gearbeitet, wo man nichts geschenkt kriegt. Und ich muss gestehen, dass mir der Gedanke, wieder an meine Grenzen zu gehen, unbehaglich ist.»
«Stimmt. Du hast die Dinge immer in die Hand genommen und viel, viel Energie für Ivan und mich und für alle Leute, die etwas von dir wollten, aufgewendet. Ich sage ja bloß, dass du jetzt endlich deine Kraft und dein Talent für dich nutzen sollst. Los, Mama, gründe deine Firma und kreiere diese Uhren, von denen du träumst.»
«Ja. Und unsere Familie? Und wenn es nicht funktioniert?»
«Du hast uns zu verantwortungsvollen, selbstständigen Menschen erzogen. Das sind wir jetzt. Du hast deine Aufgabe erfüllt. Hervorragend erfüllt. Jetzt kommt das Nächste. Denk dran, du hast doch selbst immer gesagt: Das Wichtigste ist, all seine Chancen zu nutzen. Wenn es funktioniert, ist es gut. Wenn nicht, hast du es wenigstens versucht.» Mit ihren langen, blonden Haaren, die auf ihren Schultern zu tanzen schienen, sah Rachel aus wie ein sanfter Engel. Aber ihre blauen Augen schauten ihre Mutter entschlossen an.
Giselle antwortete nicht, eine kleine, nachdenkliche Pause entstand. Dann riss Giselle sich zusammen. «Wir müssen los. Mein Zug fährt in zehn Minuten.» Die beiden Frauen standen auf, Rachel griff nach Giselles kleinem, rotem Koffer und begleitete ihre Mutter zum Bahnsteig. Rachel, die Giselle inzwischen ein kleines Stück überragte, nahm ihre Mutter in den Arm wie ein kleines Mädchen und flüsterte ihr ins Ohr: «Ich hab dich lieb, Mama, ich lieb dich so sehr. Gute Reise und bis bald.» Giselle antwortete zärtlich: «Tanz gut und viel Erfolg, meine kleine Pusteblume.» Sie stieg in den Zug, der sie nach Biel zurückbringen würde, eine kleine Stadt mit 52 000 Einwohnern, das Herz der Uhrenindustrie der Schweiz, dorthin, wo ihre Zukunft wartete.
Sie fühlte sich ratlos und verwirrt: «Ich habe meinen Kindern doch alles gegeben, dachte sie. Sie durften ihr Talent entdecken, ihre Träume verwirklichen. Ich setze mich seit langem für Frauen aus allen Schichten ein. Wie kommt sie auf solch einen Vorwurf, ich sei kein Vorbild? Sie weiß doch gar nicht, welche Opfer ich gebracht habe, wie viel Arbeit nötig war, dorthin zu kommen, wo ich heute stehe.»
«Zeig uns, dass wir Frauen unser Schicksal wählen können», hatte Rachel gesagt. Was könnte sie denn noch besser, noch mehr tun? Sie fühlte, dass ihre Tochter sie brauchte, aber auf eine andere Art als bisher. Sie musste sie ziehen lassen, sie musste erlauben, dass Rachel mit ihren eigenen Flügeln flog, sie musste loslassen – mit friedvollem Geist und friedvollem Herzen. Das war leicht gesagt …
Der TGV rauschte durch die ruhige, friedvolle französische Landschaft. Normalerweise genoss Giselle diese Reise von Paris nach Biel. Sie schaute in Gedanken auf die Stunden mit ihrer Tochter zurück, schmunzelte über die kleinen Momente ihrer Mutter-Tochter-Komplizenschaft. Und schon bald holte sie die Papiere und ihren Laptop heraus und begann zu arbeiten. Aber heute war an Arbeit nicht zu denken. Heute fuhren ihre Gedanken Karussell und hielten immer wieder an derselben Stelle: «Wo stehe ich eigentlich? Was mache ich mit meinem Leben, wenn meine Kinder mich nicht mehr brauchen?»
Am nächsten Morgen stand sie noch ein wenig verschlafen mit ihrem Kaffee auf dem Balkon ihres Hauses auf dem Hügel und betrachtete das Nebelmeer, das sich bis zu den Alpen erstreckte. Der Himmel war intensiv blau, in den weißen Alpengipfeln, die in unbewegter Stille aus den Nebelschwaden ragten, spürte sie etwas wie Ewigkeit.
Ein sanfter Wind flüsterte in den Bäumen im Garten. Nach dem Wirbel des Pariser Lebens empfand sie den ländlichen Schweizer Frieden wie einen Trost. Doch plötzlich überlief sie ein Frösteln und ihr war, als erreiche die Kälte auch ihr Herz.
Rachel! Ihre Tochter, die sie bislang so bedingungslos zu lieben schien, machte ihr Vorwürfe. Seit ihrer Geburt waren die beiden Hand in Hand, Herz an Herz unterwegs, gemeinsam hatten sie viele Hindernisse überwunden. Inzwischen gehörte Rachel zum Ballettensemble der Pariser Oper; eine vielversprechende Karriere lag vor ihr.
«Und ich? Sie hat Recht. Wo stehe ich eigentlich? Ich hatte so viele Gaben, so viele Talente – aber ich war ein Mädchen», dachte Giselle. Sie kehrte ins Zimmer zurück, schloss die große Glasschiebetür und ging in die Küche. Sie brauchte unbedingt noch einen Kaffee.
An ihrem Schreibtisch am Fenster, ihr zu Füßen die Schweiz, tauchte sie ein in die Erinnerungen an ihre Kindheit. (Amazon)