Lady to watch : Giselle Rufer Delance (Amazon)

Kapitel zwei: Kinderträume

1952 – Pruntrut, Schweiz

«Giselle, ich bitte dich! Du bist schon sechs Jahre alt. Wann wirst du dich endlich wie ein braves Mädchen benehmen?»

«Aber Mama, ich will überhaupt kein ‹braves› sein. Das ist so langweilig. Ich glaube, die Natur hat bei mir einen Fehler gemacht. Ich habe Jungenspiele viel lieber als diesen Mädchenkram.»

«Der einzige Fehler ist dein Benehmen, mein Kind, und es wird Zeit, dass du das lernst. Benimm dich wie ein Mädchen, denn du bist ein Mädchen, und die Dinge sind, wie sie sind. Daran kann man nichts ändern.»

«Aber ich werde sie ändern, Mama, du wirst schon sehen!» antwortete Giselle mit so viel Entschlossenheit, dass ihre Mutter lächeln musste. Dieses kleine, eigensinnige Mädchen würde vielleicht wirklich einmal ungewöhnliche Dinge vollbringen.

«Dann los, mein Kind, ändere die Welt, so wie ich es wollte und wie es so viele vor uns gewollt haben … und in tausend Jahren werden wir mit unseren Töchtern das Gleiche diskutieren.»

«Aber Mama, ich will nicht wie die anderen sein. Die machen alle nur Mädchenkram!»

«Fein. Aber im Moment geht’s darum, dass du mir beim Crêpe-Teig hilfst. Du kannst die Eier aufschlagen und die Schüssel festhalten. Aber wasch dir erst die Hände!» Giselle liebte ihre Mutter abgöttisch. Odette war nur zwanzig Jahre älter als ihre Tochter und eine strahlende, umwerfende Schönheit. In Paris geboren und aufgewachsen besaß sie die geistige Freiheit junger Frauen, die sich im Krieg hatten durchschlagen müssen. Auf dem Lande steckten die verheirateten Frauen damals noch ihre Haare auf und wurden unsichtbar. Odette hingegen trug ihre schwarze Mähne offen, schminkte sich rote Lippen und trug Kleider nach der neuesten Pariser Mode. Sie war Charme und Eleganz in Person.

«Trotz allem musst du ‹Mädchenkram›, wie du es nennst, lernen, anstatt mit deinem Bruder und seinen Freunden in der Stadt und in den Wäldern herumzurennen. Schau dich doch an: Arme und Beine aufgeschlagen, die Haare wie ein Vogelnest, das Kleid zerrissen, die Hände schwarz, und so weiter und so weiter.»

«Wenn ich Hosen tragen dürfte wie die Jungs, wäre das viel praktischer.»

«Aber du bist kein Junge, und Mädchen tragen Kleider.» Odette schimpfte weiter: «Ich habe mir so sehr ein Mädchen gewünscht, damit ich ihr hübsche Kleider nähen und sie schön frisieren kann. Und jetzt? Man kommt mit dem Kamm nicht durch den Strubbelkopf und Kleider mag sie auch nicht.»

«Dabei solltest du stolz auf mich sein. Ich kann genauso schnell auf Bäume klettern wie die Jungs, ich kann Feuer ohne Streichhölzer machen und tausend andere Sachen, die man können muss, wenn man sich im Wald verirrt.» Odette lächelte. Ihre Tochter erinnerte sie so sehr an sie selbst. Und doch: Sie konnte ihre Eskapaden nicht durchgehen lassen.

«Es lässt sich einfach nicht vermeiden, dass du Nähen und Kochen lernst. Wenn ich dich so herumwirbeln sehe, muss ich immer an einen Schmetterling im Sturm denken.»

«Nein, nein, nein, sicher kein Schmetterling», bei dieser Idee rümpfte Giselle die Nase und kniff ihre haselnussbraunen Augen zu Schlitzen zusammen. «Ich bin kein Schmetterling. Ich bin ein Löwe und ich kann machen, was ich will. Achtung! Achtung!» Sie zerfetzte mit ihren «Löwentatzen» einen unsichtbaren Gegner und stieß dabei ein wildes Gebrüll aus.

«Was ist das für ein wildes Tier in unserer Küche?», fragte ihr Vater und öffnete die Tür. Groß, elegant, blond und mit türkisblauen Augen – André Fridelance war der Held seiner Tochter. «Dieses wilde Tier muss jetzt seiner Mutter helfen und in Lichtgeschwindigkeit den Tisch decken.»

Giselle stürzte sich in die Arme ihres Vaters und klammerte sich an ihm fest. «Papa, da bist du ja! Ich habe Crêpes gemacht.» André gab ihr einen schmatzenden Kuss und hielt sie einen Augenblick zärtlich fest. Er reiste viel und seine Rückkehr war jedes Mal ein Fest. Giselle belegte ihn sofort mit Beschlag und er reagierte liebevoll auf ihr Bedürfnis nach Zuwendung. Er war so stolz auf sein kleines, unerschrockenes, mutiges Mädchen und spornte sie immer wieder an, sich selbst zu übertreffen.

«Wenn du groß bist, dann machst du das, was du willst. Es genügt, dass du es willst, und ich werde dir dabei helfen», hatte er ihr einmal gesagt. Sie hatte diese Worte in sich aufgesogen, sie baute darauf. Ach, wenn nur alle Väter wüssten, wie wichtig sie für kleine Mädchen sind!

«Hast du viele Uhren verkauft?», fragte sie und konnte gar nicht erwarten, dass er begann, von seiner Reise zu erzählen. Sie war von seinem Beruf fasziniert – in der Schweiz und in Frankreich herumreisen und alle möglichen, interessanten Menschen treffen. Er hatte jedes Mal neue Geschichten parat, in denen seine Kinder schwelgen konnten.

Die Familie stammte ursprünglich aus Frankreich. Giselle war am 1. Juni 1946 in Pont-sur-Yonne in Frankreich zur Welt gekommen, sechzehn Monate nach ihrem Bruder Daniel. Nach Kriegsende hatte der Vater eine Import-Export-Firma für die Schweiz und Frankreich gegründet. Er importierte und verkaufte Uhren aus der Schweiz und exportierte Porzellan, Kristall und Geschirr dorthin. 1949 hatte er ein Haus in der Altstadt von Pruntrut in der Schweiz gekauft. Dort, an der Hauptstraße hatte Odette ihre Boutique für Tisch- und Wohnkultur «La Perle» eröffnet, die schnell zum Non-plus-ultra der gesamten Region avancierte. Die hinteren Räume des Ladens dienten als Warenlager.

«Ja, ich habe ein paar gute Geschäfte gemacht. Ich bin zufrieden», antwortete er, stellte seine Tochter auf den Boden und umarmte voll Zärtlichkeit seine Frau. Sein Lächeln war warm, aber als Giselle seine Stimme hörte, wusste sie, dass sie nun gehorchen musste. «Du bist alt genug, um deiner Mutter zu helfen, sie hatte einen langen Tag im Geschäft. Deine Abenteuer darfst du mir später erzählen.»

«Und du erzählst mir von deiner Reise, ja? Und, nicht wahr, wenn ich groß bin, werden wir zusammen arbeiten und ganz viele Uhren verkaufen und durch die ganze Welt reisen.» Schon damals hatte André die Idee, eine eigene Uhrenmanufaktur zu gründen. Das war einer der Gründe gewesen, mit der Familie nach Pruntrut zu ziehen. «Und dann werde ich alle unsere Uhren entwerfen, weil ich gut zeichnen kann und ganz, ganz viele Ideen habe.» Der Vater lächelte und setzte sich mit seinem wohlverdienten Bier an den Tisch. Die überbordende Lebendigkeit seiner Tochter bezauberte ihn immer wieder. Schon war sie auf seinen Schoß geklettert und schlang schmeichelnd die Arme um seinen Hals. «Einverstanden, Papa?»

«Was für schöne Träume, meine kleine Gigi.» Das hübsche Gesicht ihrer Mutter sah plötzlich traurig aus. Sie war 26 Jahre alt, hatte drei Kinder und ein Geschäft: Der Alltag hatte ihre eigenen Träume längst verschlungen. «Ich hatte auch mal Träume. Ich wollte singen, und ich hatte eine gute Stimme und Talent. Aber dann habe ich mich anders entschieden. So ist das Leben, und unsere Träume bleiben einfach Träume.»

«Ich weiß genau, was ich will, und ich werde es bekommen», erklärte Giselle kategorisch. «Und du, Mama, sei nicht traurig. Du singst so schön und alle Leute in Pruntrut kennen dich. Du spielst sogar die Hauptrolle in der Operette ‹Die Maske und die Rose›, und die Leute kommen aus der ganzen Schweiz, um dich zu sehen und zu hören.»

«Pruntrut ist nicht Paris, mein Kind. Aber ich bereue es nicht. Der Teig ist fertig, wir können mit den Crêpes anfangen. Gib mir die Münze, damit ich mir etwas wünschen kann. Die Welt verändern kannst du später.»

«Natürlich werde ich sie verändern. Logisch. Du sagst immer, wenn man etwas wirklich will, dann kann man es auch schaffen. Das hast du selbst gesagt!», und Giselle rannte davon, um ihren Bruder zum Essen zu holen.

«So ein Wirbelwind, unser Mädchen, ein Schmetterling im Sturm, sagt man wohl.» Odette schaute ihrem Mann in die Augen und wendete die erste Crêpe schwungvoll mit einer Hand. In der anderen Hand hielt sie die Münze, die Giselle ihr gegeben hatte. Ihren Wunsch hatte sie ganz still in die Welt gesetzt.

«Oder eine kleine Löwin», anwortete André und fing die Crêpe, die Odette ihm zuwarf, geschickt mit seinem Teller auf. «Ich glaube, wenn unsere Tochter sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann nichts und niemand sie daran hindern, es auch zu erreichen.» Das kleine Mädchen schnappte die Worte seines Vaters gerade noch auf, als es in die Küche stürzte, und sie gruben sich für immer in sein Herz.

Odette lächelte ihren Mann an: «Sie schlägt ganz nach dir.»

Er lächelte zurück: «Ja, sie schlägt ganz nach dir, so schön und so klug. »

Daniel stürmte außer Atem in die Küche und rieb sich die Hände. «Ein neuer Rekord, ein neuer Rekord! Zwei Stockwerke, ohne mit dem Fuß auf den Boden zu kommen!» Es war eines ihrer Lieblingsspiele: sich auf dem Weg nach unten nur am Seil festhalten, ohne mit den Füßen auf den Boden zu kommen. Eine wohl vierhundert Jahre alte, steinerne Wendeltreppe verband die vier Stockwerke des Hauses. In ihrer Mitte diente ein dickes Seil als Handlauf. Die Kinder packten das Seil und hangelten sich nach unten. Wenn man genug Schwung hatte, konnte man ein komplettes Stockwerk überwinden, ohne einen Fuß auf den Boden zu setzen. Ihre Hände waren vom Seil schwielig wie die eines Bauarbeiters – und sie fanden es toll.

Giselles Vater hatte Recht: Was immer ihr Bruder machte, machte Giselle auch, mindestens genauso gut, manchmal sogar besser. Das hing davon ab, wie sehr es sie interessierte. Seit einiger Zeit war sie vor allem daran interessiert, mit ihrem Bruder zu den Pfadfindern zu gehen, die sich in einem kleinen Chalet am Ausgang der Stadt trafen. Sie hatte genau das richtige Alter, und sie war das einzige Mädchen – aber das würde niemand merken, dachte Giselle, wenn sie die kurzen Hosen und ein Hemd anzog, das ihrem Bruder zu klein geworden war. Mit den Pfadfindern gingen sie auf die Suche nach verlorenen Schätzen, bauten Baumhäuser und ein Floß, um den Teich zu erforschen, machten Feuer und viele andere aufregende Dinge. Giselle konnte schon mehr verschiedene Knoten knüpfen als Dani – das war doch das richtige Leben, und nicht dieser langweilige Mädchenkram!

Pruntrut ist eine kleine, historische Stadt im Nordosten der Schweiz, seit vielen Jahrhunderten ein kulturelles Zentrum ganz oben im Jura. Ein majestätisches Schloss aus dem Mittelalter beherrscht das Stadtbild. Es war zweihundert Jahre lang der Sitz der Fürstbischöfe von Basel. Erbaut wurde es im Mittelalter um 1140 n. Chr., doch schon die Römer haben hier ihre Spuren hinterlassen, und es gibt sogar Fundstücke aus der Mittelsteinzeit – also vor 7 000 bis 11 000 Jahren. Archäologische Funde gibt es auch noch in unseren Tagen, immer dann, wenn größere Baumaßnahmen anstehen.

Im Laufe der Zeit ist die lebendige, kleine Stadt harmonisch gewachsen, man lebt dort angenehm und friedlich. Mit dem mittelalterlichen Schloss, den Barockkirchen und der barocken Jesuitenschule, mit den klassizistischen Verwaltungsbauten zeigt das Städtchen überall den geheimen Zauber eines Ortes, den seine Bewohner lieben.

Seit der Reformation haben die Fürstbischöfe und die Jesuiten die Stadt zu einem Ort der Kunst und der Kultur geformt. Im 19. Jahrhundert kam die Uhrenindustrie, und noch heute gibt es in Pruntrut eine der besten Uhrmacherschulen der Schweiz.

Mit den kleinen Freunden aus ihrer Straße entdeckte die abenteuerlustige Giselle die Gässchen, die Parks, die Höfe und die historischen Plätze ihrer Stadt. Für diese Kinder war die ganze Stadt ein Spielplatz. Oft waren sie in den umliegenden Wäldern auf Schatzsuche, Minuten später waren sie unterwegs, Dinosaurierspuren zu finden. Was für Abenteuer, was für Entdeckungen, welche Freiheit, welche Erinnerungen!

Beim Angelusläuten kehrten alle im Laufschritt nach Hause zurück. Es gab Regeln, über die nicht diskutiert wurde, und die großen Entdecker verbotener Orte gingen schlafen und träumten vom nächsten Tag.

Im Jahr 1952 hatte Pruntrut ziemlich genau sechstausend Einwohner. Nur wenige Autos waren auf den Straßen unterwegs, fast niemand hatte einen Fernseher. Wenn die Läden an Sommerabenden geschlossen hatten, stellten die Einwohner ihre Stühle auf die Straße oder gingen auf und ab und diskutierten die Ereignisse des Tages. Die Älteren saßen auf den Bänken und schauten zu, wie die Jüngeren Fangen und Verstecken spielten oder einfach herumliefen. So viele Winkel, um sich zu verstecken! Und unter den amüsierten Blicken der Erwachsenen sprossen schon die zarten Knospen der ersten Jugendlieben.

Giselle und ihre Freunde erlebten, ohne es zu wissen, eine traumhafte Kindheit, ein sorgloses, freies Leben, in vollständiger Sicherheit im Herzen einer kleinen, friedlichen Stadt.

Schon bald würde sich das alles ändern. (Amazon)